Als Referentin begrüßte die VDE Hochschulgruppe Frau Dr.-Ing. Ananya Kuri, Head of Execution Center im Bereich Grid Consulting bei Siemens Energy. Die Abteilung ist weltweit aufgestellt und verfügt unter anderem über Standorte in Europa, Großbritannien, Kanada, den USA, Mexiko, Australien und Malaysia. Der Fachvortrag stieß auf großes Interesse: Rund 40 Studierende nahmen an dem einstündigen Einblick in die Praxis der Energiewirtschaft teil. Zu Beginn erläuterte Frau Dr.-Ing. Ananya Kuri die Entwicklung der elektrischen Energieversorgung in den vergangenen Jahrzehnten. Sie stellte zunächst das klassische Stromnetz vor, wie es bis etwa Ende der 1990er-Jahre vorherrschte. Dieses war durch vertikal integrierte Versorgungsunternehmen geprägt und auf den Ausgleich zwischen wenigen großen Kraftwerken sowie privaten und industriellen Verbrauchern ausgelegt. Der Leistungsfluss war oftmals als top-down orientiert planbare. Im weiteren Verlauf beschrieb sie den Wandel hin zu einem zunehmend komplexen und international vernetzten Energiesystem. Treiber dieser Entwicklung sind insbesondere drei zentrale Veränderungen.
Erstens führte die Liberalisierung der Strommärkte zur Trennung von Energiewandlung und Netzbetrieb sowie zu einem verstärkten internationalen Stromhandel. Dadurch entstanden neue Anforderungen an die Übertragungsnetze und den grenzüberschreitenden Energieaustausch. Der Ausbau leistungsfähiger Hoch- und Höchstspannungsnetze sowie die Weiterentwicklung entsprechender Transformatoren- und Netztechnologien spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Zweitens wird die Energieversorgung zunehmend durch erneuerbare Energien geprägt. Insbesondere Windkraft- und Photovoltaikanlagen werden in großem Umfang in die Stromversorgung integriert. Gleichzeitig wird erwartet, dass sich der Strombedarf in den kommenden Jahrzehnten deutlich erhöhen wird. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen für Netzplanung und Netzbetrieb. So müssen beispielsweise leistungsfähige Gleichstromverbindungen geschaffen werden, um Energie aus windreichen Regionen zu den Verbrauchsschwerpunkten in Industrie und Ballungsräumen zu transportieren. Darüber hinaus gewinnen Energiespeicher und intelligente Regelungssysteme an Bedeutung, um die wetterbedingten Schwankungen der erneuerbaren Energieerzeugung auszugleichen.
Als dritten Entwicklungsschritt stellte Frau Dr.-Ing. Kuri die zunehmende Kopplung verschiedener Energiesysteme vor. Neben dem Stromnetz gewinnen insbesondere Wasserstoffnetze an Bedeutung. Überschüssige elektrische Energie kann durch Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt, gespeichert, transportiert und später industriell genutzt werden. Die Verbindung von Strom- und Wasserstoffwirtschaft gilt als wichtiger Baustein für ein zukünftiges nachhaltiges Energiesystem. Als Praxisbeispiel präsentierte die Referentin das Projekt einer sogenannten „Energy Island“ in der Nordsee. Dort soll die direkte Kopplung von Offshore-Windenergie und Wasserstoffproduktion erprobt werden, um neue Möglichkeiten für die großskalige Speicherung und Nutzung erneuerbarer Energien zu schaffen.
Die Durchführung des Fachvortrags wurde zudem von Prof. Dr.-Ing. Anatoli Wellhöfer, Studiengangsleiter und Fachberater des Studiengangs „Nachhaltige Energiesysteme“ an der THWS, unterstützt. Ihm war es ein besonderes Anliegen, den Studierenden einen direkten Einblick in aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen der Energiewirtschaft zu ermöglichen. „Die Transformation unserer Energiesysteme gehört zu den zentralen technischen Aufgaben unserer Zeit. Für unsere Studierenden ist es daher besonders wertvoll, bereits während des Studiums Einblicke in die praktische Umsetzung und den internationalen Projektalltag eines Unternehmens wie Siemens Energy zu erhalten“, betonte Prof. Dr.-Ing. Wellhöfer.
Nach dem Vortrag nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, Fragen zu aktuellen Entwicklungen der Energiewende sowie zu den vorgestellten Technologien zu stellen. Die anschließende Diskussion rundete die Veranstaltung ab und bot den Studierenden zusätzliche Einblicke in die praktische Arbeit von Siemens Energy. Der Fachvortrag vermittelte den Teilnehmenden einen anschaulichen Überblick über die Herausforderungen und Chancen der Transformation moderner Energiesysteme.